Kippfenster und Balkone

Kippfenster sind die auch von erfahrenen Katzenhaltern wohl am meisten unterschätzte Gefahrenquelle. Die subtile Beobachtungsgabe, das enorme Sprungvermögen und die grosse Neugier wird vielen Katzen, oft noch nach Monaten oder gar Jahren, zum Verhängnis. Hängen die Katzen erst einmal im Spalt fest, verschlimmern sie durch ihre heftigen und verzweifelten Befreiungsversuche kontinuierlich ihre lebensbedrohliche Lage. Je länger und tiefer die Tiere festsitzen, je schlanker sie sind und je tiefere Aussentemperaturen vorherrschen, umso schneller ziehen sie sich bleibende Lähmungen, grossflächige Organ- und Muskelquetschungen, Gewebsnekrosen, Schock und tödliche Blutungen zu. Eingeklemmte Kippfensterkatzen sollten nur mit festen Handschuhen oder einem grossen, möglichst dicken Tuch aus ihrer misslichen Lage befreit werden, da sie sich, sofern sie dazu noch in der Lage sind, mit Zähnen und Krallen wild zur Wehr setzen. Kippfenster lassen sich durch einfache Vorkehrungen entschärfen. Man sollte sich angewöhnen, immer ein Kissen oder ein dickes, zusammengerolltes Tuch in die Tiefe des offenstehenden Spaltes zu stopfen, einen geeigneten Gegenstand als Keil oder Brücke einzuklemmen oder ein im Fachhandel erstandenes Schutzgitter zu montieren.

Wohnungskatzen, die sich unkontrolliert auf dem Balkon tummeln dürfen, sind häufig auch Sturzkandidaten. In der Nähe und womöglich auf Höhe der Brüstung stehende wacklige Stühle oder Tischchen, aufgetürmte Kisten oder Wäscheständer sind begehrte Aussichtspunkte. Wird die Katze durch Vögel, Insekten, Fledermäuse o.ä. abgelenkt oder kippt die Standfläche, lässt sich ein Sturz in die Tiefe meist nicht mehr verhindern. Katzen sind wohl Flugkünstler; wenn sie jedoch überrascht werden, aus eher geringeren Höhen fallen oder ungünstig am Boden auftreffen, sind folgenschwere, mitunter tödliche Verletzungen keine Seltenheit. Typische Sturzfolgen sind Weichteilschäden, so z.B. Gaumenrisse, Zusammenhangstrennungen im Kinnbereich, Lungen- oder Blasenrisse, aber auch Unterkiefer-, Becken- und Oberschenkelhalsbrüche. Wer seinen Balkon nicht ganz mit möglichst feinmaschigem Spezialnetz permanent absperren möchte, sollte dafür sorgen, dass zumindest die Brüstung durch ein ca. 20-30 cm hohes Maschengitter gegen aussen gesichert ist oder eine im 45°-Winkel nach innen überstehende Leiste die Katze am Hoch- oder Überspringen derselben hindert. Dieselben Vorsichtsmassnahmen gelten auch für Fenstersimse.

Bild oberflächliche Schürfverletzung im Kinn- und Nasenbereich
Sturzfolge:oberflächliche Schürfverletzung im Kinn- und Nasenbereich

Bild Gaumenriss
Sturzfolge:Gaumenriss

Bild tiefe und flächenhafte Abrissverletzung des Kinnbereiches
Sturzfolge:tiefe und flächenhafte Abrissverletzung des Kinnbereiches

Dieser Artikel ist erschienen im "Katzen Magazin" 4 / 2001

Autorin:
med. vet. Christina Sigrist